Rede zum Wahlkampfauftakt der Piraten Niedersachsen

Vorweg: Ich habe die Rede aus dem Gedächtnis und anhand von Notizen aufgeschrieben. Abweichungen von der Rede heute in Hannover mögen mir nachgesehen werden.

Liebe Bürgerinnen und Bürger von Hannover, liebe Piraten,

vielen Dank für die Einladung, hier zu sprechen. Die Piraten veranstalten heute den Tag des Durchblicks. Auf den Transparenten hinter mir kann man sehen, bei welchen Themen Durchblick oder Transparenz wichtig ist.

Transparenz ist eine Kernforderung der Piraten und es gibt für mich drei Gründe, warum Transparenz wichtig ist.
1. Wenn die Bürgerinnen und Bürger Zugang zu Informationen haben, wird Politik nachvollziehbar.
2. Politik wird kontrollierbar, wenn Menschen Zugang zu Informationen haben, die Entscheidungen geleitetet haben oder eben auch nicht geleitetet haben.
3. Information ist eine wichtige Voraussetzung für Handlungsfähigkeit. Transparenz stellt eine bessere Handlungsfähigkeit her. Denn nur wenn Bürgerinnen und Bürger Zugang zu Informationen haben, können sie eigene Lösungen entwickeln.

Ich möchte jetzt drei Beispiele nennen, bei denen in der gegenwärtigen Politik Transparenz fehlt.
LKW-Maut: Die Entscheidungsträger im Bund haben sich bei der Vergabe für eine LKW-Maut gegen ausländische Anbieter und für einen deutschen und teueren Anbieter entschieden: Toll Collect, die zu 90 Prozent den Firmen Daimler und Telekom gehören. Das Projekt startete aber nicht im Jahre 2003, sondern fast 1,5 Jahre später. Mittlerweile gibt es Schadensersatzforderungen in Höhe von 7 Milliarden Euro. Über die Forderungen wurde in nichtöffentlichen Sitzungen eines eigens einberufenen Schiedsgerichts verhandelt. Die Forderungen sind immer noch offen. Der Geschäftsbeziehung zwischen der Bundesregierung und Toll Collect liegt ein 17.000 Seiten starker Vertrag zu Grunde, der auch nichtöffentlich ist. Der Vertrag wurde übrigens von der Kanzlei Freshfields ausgearbeitet.
Parteiensponsoring: Im Gegensatz zu Parteienspenden müssen Sponseringeinnahmen der Parteien nicht extra ausgewiesen werden. Wenn Parteien also an Parteitagen Infostandflächen an Firmen vermieten und entsprechende Einnahmen generieren, kann dies kaum nachvollzogen werden.
Und schließlich Nebeneinkünfte von Abgeordneten: Zwar müssen Nebeneinkünfte im Rahmen von zehn Stufungen angegeben werden, aber die Bürgerinnen und Bürger können nicht erfahren, wie viel ein Abgeordneter von wem für welche Tätigkeit erhält.

Hinsichtlich des Sponsorings müsste das Parteiengesetz geändert werden, aber wir brauchen vor allem ein Transparenzgesetz, d. h. ein Gesetz das regelt, das alle Daten und Dokumente der öffentlichen Hand offen gelegt werden müssen, z. B. auch der Vertrag zwischen Verkehrsministerium und Toll Collect.

In Hamburg gibt es ein Transparenzgesetz, das viele gute Regelung enthält. Dieses Gesetz wurde von der Bürgerschaft eingeführt, aber es war nicht ganz freiwillig, es bedurfte eines direktdemokratischen Anstoßes. Das Transparenzgesetz wurde vorher von verschiedenen Organisationen wie Mehr Demokratie, CCC, Transparency International und den Piraten vorangetrieben und mit über 15.000 Unterschriften als Volksinitiative eingereicht.

Wenn wir demokratische Reformen in Deutschland voranbringen wollen, brauchen wir dringend die bundesweite Volksabstimmung. Neben Transparenz und Schutz der Grundrechte ist die Volksabstimmung eine wichtige Forderung der Piraten.

Im Artikel 20 Absatz 2 Grundgesetz heißt es: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. Besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung haben wir schon, auch die Wahlen haben wir schon, aber es fehlt die Volksabstimmung.

Seit über 60 Jahren wird uns das Recht auf Volksabstimmung vorenthalten.
Seit über 60 Jahren dürfen wir über wichtige Fragen wie Europa, bedingungsloses Grundeinkommen oder Grundrechte nicht abstimmen.
Seit über 60 Jahren steht die Demokratie nur auf einem Bein, den Wahlen, das zweite, die Volksabstimmung fehlt und darum fehlt es der Demokratie auch an Stabilität.

Wir Piraten stehen für Demokratie
für Transparenz
für die Volksabstimmung
für eine Demokratisierung der Wahlen, so dass die Menschen mehr Einfluss darauf haben, wer sie im Parlament vertritt
und vor allem stehen wir auch für eine Beteiligung der Menschen durch das Internet.

Wir sehen das Internet als Chance, um Menschen zu beteiligen und nicht als Instrument, um sie schonungslos und rund um die Uhr zu überwachen.

Wir stehen für den Schutz der Grundrechte und fordern die Unverletzlichkeit der Wohnung, die 1998 durch eine Grundgesetzänderung in Artikel 13 Grundgesetz verletzt wurde.

Wir kritisieren die Verletzung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses, das 1968 durch eine Änderung von Artikel 10 Grundgesetz ausgeübt wurde und die Grundlage für die Praxis der Überwachung der deutschen Geheimdienste bilden.

Das ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern ist Ergebnis von Gesetzesänderungen, die politisch gewollt waren.

Wir Piraten stehen für einen demokratischen Impuls, den wir in die Welt und in die Gesellschaft setzen. Dafür sind wir wichtig. Es sind noch 7 Wochen bis zur Bundestagswahl. Und bei uns gilt der Satz „Jede Stimme ist wichtig.“ Wir brauchen etwa 2,1 bis 2,5 Millionen Stimmen. D. h. wir sind auf der Suche nach der 2,5 Millionsten Stimme und dafür werden wir kämpfen. Wenn wir uns das klar machen und vornehmen, werden wir am 22. September in den Bundestag ziehen. Mein Name ist Tim Weber und ich bin Pirat.

Wahlkampf in der wirklich heißen Phase

Hameln. 14 Uhr. Wir stehen mitten in der Fußgängerzone und mitten in der Sonne. Hurra, es ist endlich Sommer in Deutschland. Aber es ist so heiß, dass die Menschen einschließlich uns selber doch ziemlich matschig wirken. Es scheint so, meinte Jan Zimmermann, als ob es fast zu anstrengend wäre, den Arm zu heben, um einen Zettel entgegen zu nehmen. Wir wollen aber noch ein paar Zettel verteilen. Denn heute Abend will ich über Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie sprechen und diskutieren. Weil ich es einfacher finde, spreche ich die Menschen auf eine Unterschrift für bundesweite Volksentscheide an. Mehr Demokratie e.V. hat im Rahmen der Kampagne „Volksentscheid – bundesweit“ eine Unterschriftensammlung gestartet.

Und dann bleiben doch ein paar Menschen stehen, einige kommen sogar zum Infostand, ganz freiwillig sozusagen. Nach dem Thema Volksentscheid kommen wir schnell zu Demokratie und Piraten. Schließlich habe ich auch den Infostand des KV Hameln im Rücken, der mit seinem Piratenoutlook etwas hermacht.

Nach einem erholsamen Fußbad im Stadtbrunnen bauen wir um 17 Uhr ab und trinken bei Claudia Schumann, Direktkandidatin für Wahlkreis 46 Hameln-Pyrmont und Holzminden, noch einen Kaffee. Anschließend fahren wir zum Veranstaltungsort.

20 Menschen sind da, mehr als ich erwartet hatte, und wir diskutieren fast zwei Stunden über Demokratie, Lobbyismus und Volksentscheide. Es sind auch welche da, die wir beim Infostand gesehen haben. Und überhaupt auch ein paar neue Gesichter, die Veranstaltung wurden in den Lokalmedien gut angekündigt. Also wenn wir flächendeckend KV Hamelns hätten, ich glaube, wir würden auf über 10 Prozent kommen.

Es war dann noch ein schöner Abend mit politischen und privaten Themen, Wahlkampf ist schön und anstrengend. Und am nächsten Morgen dann über Twitter und wahlrecht.de die Meldung, dass die Piraten nach einer Forsa-Umfrage bei 4 Prozent liegen. Und obwohl Till Zimmermann mir tags zuvor überzeugend erklärt hat, dass die Aussagekraft dieser Umfragen begrenzt ist, freue ich mich. Yep, es geht voran.